Grußwort des Präsidenten

Max Frisch hat 1981 in New York zwei Poetik-Vorlesungen gehalten, die 2008 unter dem Titel „Schwarzes Quadrat“ bei Suhrkamp[1] erschienen sind. Das Lesen dieses Bändchens hat mich sehr bewegt – und an den Anspruch der Karlshochschule erinnert.

In unserer Vorlesung „Einführung in das Wissenschaftliche Arbeiten und die empirische Sozialforschung“ versuchen wir mit den Studierenden eine Perspektive auf wirtschaftliches und unternehmerisches Handeln zu entwickeln, die über monokausale Erklärungen, mechanistische Gesetzmäßigkeiten und trivialisierende Modellbildungen hinausgeht. Es geht uns um Sinn, um Bedeutung, um Verstehen. Es geht uns um Interpretation.

„Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weiße zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das eigentliche, lässt sich bestenfalls umschreiben, und das heißt ganz wörtlich: man schreibt darum herum. Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und genau, und das Eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen.

Unser Streben geht vermutlich dahin, alles auszusprechen, was sagbar ist; die Sprache ist wie ein Meißel, der alles weghaut, was nicht Geheimnis ist, und alles Sagen bedeutet ein Entfernen. Es dürfte uns insofern nicht erschrecken, dass alles, was einmal zum Wort wird, einer gewissen Leere anheimfällt. Man sagt, was nicht das Leben ist. Man sagt es um des Lebens willen. Wie der Bildhauer, wenn er den Meißel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sagbare, vortreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. Immer besteht die Gefahr, dass man das Geheimnis zerschlägt, und ebenso die andere Gefahr, dass man vorzeitig aufhört, dass man es einen Klumpen sein lässt, dass man das Geheimnis nicht stellt, nicht fasst, nicht befreit von allem, was immer noch sagbar wäre, kurzum, dass man nicht vordringt zu seiner letzten Oberfläche.

Diese Oberfläche alles letztlich Sagbaren, die eins sein müsste mit der Oberfläche des Geheimnisses, diese stofflose Oberfläche, die es nur für den Geist gibt und nicht in der Natur, wo es auch keine Linie gibt zwischen Berg und Himmel, vielleicht ist es das, was man die Form nennt?

Eine Art von tönender Grenze -

In seiner zweiten Poetikvorlesung am City College of New York vom 4. November 1981 erzählte Max Frisch die Anekdote eines schweizerischen Ambassadors in Leningrad:

„Als Ambassador, der eben einen Handelsvertrag mit der Sowjetunion unterzeichnet hat, erlaubte er sich einen Wunsch: er wollte die Kunst sehen, die bekanntlich in der Eremitage versteckt ist und dem Volk nicht gezeigt wird. Werke der russischen Avantgarde von damals. Eine Funktionärin zeigte ihm dies und das, eine Kennerin. Sein letzter Wunsch: das Schwarze Quadrat von Malewitsch. Warum das? Weil es das gibt, sagte der Ambassador, es ist hier in der Eremitage. Aber das wollte man nicht aus dem Keller holen. Ein schwarzes Quadrat, das ist bekanntlich kein Geheimnis. Schliesslich durfte der Ambassador es sehen für ein paar Minuten. Ein schwarzes Quadrat. Und sie begeisterten sich beide vor Malewitsch. Aber ich verstehe, sagte der Ambassador, ich verstehe, das würde dem sowjetischen Volk nichts bedeuten, sowenig wie dem schweizerischen, ein Quadrat und schwarz und weiter nichts, warum hängt ihr das nicht ein Mal neben die Gemälde des Sozialistischen Realismus, wo das sowjetische Volk sich erkennt bei der Arbeit für die Gesellschaft, und das Volk würde sehen, Malewitsch ist Quatsch! Die Dame hörte zu. Im Ernst, sagte der Ambassador, Sie brauchen doch Malewitsch nicht im Keller zu verstecken, das Volk würde ihn gar nicht ansehen! Die Dame lachte: Sie irren sich – das Volk könnte nicht verstehen, wozu dieses schwarze Quadrat, aber es würde sehen, dass es noch etwas anderes gibt als die Gesellschaft und den Staat.

DASS ES NOCH ETWAS ANDERES GIBT.

Das ist die Irritation."

Herzlich willkommen auf den Seiten der Karlshochschule 

Prof. Dr. Michael Zerr

 

[1] Max Frisch: Schwarzes Quadrat. Zwei Poetikvorlesungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008.